Nachruf






  

NACHRUF

Dr. Elisabeth Kübler-Ross, Fachärztin für Psychiatrie und Autorin des bahnbrechenden Buches Interviews mit Sterbenden (Original: "On Death and Dying") sowie zahlreicher anderer Werke, starb am Dienstag, dem 24. August 2004, in Scottsdale, Arizona im Alter von 78 Jahren eines natürlichen Todes im Kreise ihrer Familie und engsten Freunde.

"Jeder Augenblick ihres Lebens war sterbenden Patienten geweiht und dem Leiden, das sie durchmachten", bemerkte ihr alter Freund Mwalimu Imara, der ihr seit dem Beginn ihrer Forschungsarbeit nahestand. "Ihre langwierige Krankheit, nachdem sie mehrere Schlaganfälle erlitten hatte, steigerte noch ihre Entschlossenheit, sich für die Rechte Sterbender einzusetzen."

Fast unmittelbar nach ihrem Hinscheiden traf eine Flut von Huldigungen aus aller Welt ein, von Menschen, die von Dr. Kübler-Ross' Lehren berührt worden waren. Laut ihrer langjährigen literarischen Agentin Babara Hogenson zeichnete Kübler-Ross als Verfasserin von mehr als 20 Büchern, von denen viele in mehr als achtundzwanzig Sprachen übersetzt wurden. Dazu gehören Titel wie: Leben, bis wir Abschied nehmen ("To Live Until We Say Good-Bye"), Kinder und Tod ("On Children and Death"), AIDS. Herausforderung zur Menschlichkeit ("AIDS: The Ultimate Challenge"), und ihre Autobiographie Das Rad des Lebens ("The Wheel of Life"). Ihr jüngstes Buch, Real Taste of Life, ein fotografisches Tagebuch, ist in Zusammenarbeit mit ihrem Sohn Kenneth entstanden, einem Reisefotografen, der sie nach ihrem offiziellen Rückzug nach Arizona persönlich und beruflich betreute. Kurz vor ihrem Tod konnte sie noch zusammen mit ihrem langjährigen Mitarbeiter und Freund David Kessler eine Rohfassung ihres letzten Buches, On Grief and Grieving, fertigstellen.

Dr. Kübler-Ross wurde als eine von Drillingsschwestern am 8. Juli 1926 in Zürich geboren. Kühnen Geistes, entschied sie sich bereits in früher Kindheit für eine medizinische Laufbahn entgegen dem Wunsch ihres Vaters. Die Zielrichtung ihrer Arbeit über Tod und Sterben kristallisierte sich im Jahre 1945 heraus. Sie war ein Mitglied des Internationalen Friedensdienstes, der nach dem Zweiten Weltkrieg in zerstörten Gebieten Hilfe zum Wiederaufbau leistete. Im Konzentrationslager Majdanek fand sie in den Wänden der Baracken, wo die Häftlinge ihre letzten Stunden verbracht hatten, Schmetterlinge eingeritzt. Diese sollten für sie zum Symbol jener wunderbaren Transformation werden, die sich gemäß ihrer Überzeugung im Augenblick des Todes vollzieht.

Nach Abschluß ihres Medizinstudiums an der Universität Zürich, wo sie ihren künftigen Ehemann Emanuel - "Manny" - Ross kennenlernte, der ebenfalls Medizin studierte, kam sie 1958 in die Vereinigten Staaten. Sie arbeitete an großen Krankenhäusern in New York, Colorado und Chicago und war entsetzt, wie mit sterbenden Patienten umgegangen wurde. "Sie wurden ausgegrenzt und schlecht behandelt; niemand war aufrichtig zu ihnen", berichtete sie. Im Unterschied zu ihren Kollegen setzte sie sich ans Bett von Sterbenskranken und hörte zu, wenn sie ihr Herz ausschütten wollten. Während sie gleichzeitig ihre zwei Kinder großzog, begann sie Vorlesungen zu halten, in denen sie todkranke Patienten über ihre intimsten Erfahrungen mit dem Sterben zu Wort kommen ließ. "Mein Ziel war, die Schicht professionellen Leugnens, das Patienten daran hindert, sich über ihre innersten Anliegen zu äußern, zu durchbrechen", schrieb sie.

Ihr erstes Buch On Death and Dying (Interviews mit Sterbenden), das 1969 erschien, wurde ein Bestseller und machte sie als Autorin international bekannt. Noch heute ist dieses bahnbrechende Werk Pflichtlektüre in den meisten Ausbildungsprogrammen für Mediziner, Pflegepersonal und Psychologen. Ein Artikel in Time Magazine im Jahr 1969 berichtete über ihre Arbeit und verschaffte dieser neuen Art, mit Sterbenden umzugehen, weitere Glaubwürdigkeit und den Eingang ins allgemeine Bewußtsein, obwohl ihre Schlüsse für die damalige Zeit revolutionär waren. "Es ist kaum zu fassen, daß ihre heute allgemein akzeptierten Schlüsse damals so revolutionär waren", sagte ihre Schwester Eva Bacher. "Sie war immer sehr stolz darauf, daß ihre Arbeit dazu beigetragen hat, die Hospizbewegung in den Vereinigten Staaten in Gang zu setzen."

In den 1970er Jahren leitete Dr. Kübler-Ross Hunderte von Workshops und hielt in der ganzen Welt Vorträge vor so großen Menschenmengen, daß es öfters nur Stehplätze gab. Die "fünf psychologischen Phasen des Sterbens" (Nicht-wahrhaben-Wollen, Zorn, Verhandeln, Depression und schließlich Zustimmung), die sie in ihrem Buch beschrieb, sind als Allgemeinwissen heute weltweit anerkannt. Während ihr Einfluß zunahm, fuhr sie fort, sich an bedeutenden medizinischen Institutionen und Krankenhäusern weiterzubilden und zu lehren.

Ende der 70er Jahre übernahm sie die Präsidentschaft des Elisabeth Kübler-Ross Zentrums Shanti Nilaya, einer Stätte für Wachstum und Heilung. Von diesem Stützpunkt aus reiste sie zu ihren Workshops über "Leben, Tod und Übergang" in alle Welt. Außerdem konnte sie ihr persönliches Interesse an Mystik, dem Leben nach dem Tod und anderen, weniger allgemein akzeptierten Formen der Therapie weiter vertiefen. In den 80er Jahren erwarb sie eine Farm von 300 Morgen in Head Waters, Virginia, wo sie ein Heil- und Workshop-Zentrum einrichten wollte. "Sie war immer umstritten und wollte damals Babys helfen, die mit AIDS geboren wurden, als niemand etwas mit ihnen zu tun haben wollte", sagte Frances Leuthy, ihre Assistentin, die das Zentrum in Virginia leitete. 1995 zog sie sich offiziell nach Arizona zurück, nachdem ihr Haus abgebrannt, ihre gesamte Habe vernichtet und sie durch eine Reihe von Schlaganfällen gesundheitlich schwer mitgenommen war. Sie verließ ihre Farm, um in der Nähe ihres Sohnes Kenneth einen neuen Anfang zu machen.

Auch nach ihrem Rückzug fuhr sie fort, Hunderte von Besuchern und berühmte Persönlichkeiten aus aller Welt zu empfangen. In der Ausgabe des Time Magazine vom 29. April 1999 wurde sie in einer zusammenfassenden Darstellung der 100 bedeutendsten Wissenschaftler und Denker des 20. Jahrhunderts als einer der "herausragenden Köpfe des Jahrhunderts" bezeichnet. Während ihres ganzen Lebens hörte sie nicht auf, Forscher mit ähnlichen Interessen zu ermutigen, und steuerte regelmäßig Vorworte, Kapitel und Abschnitte zu den Büchern zahlreicher anderer Autoren über Tod, Sterben und Trauer bei. Sie wurde mit mehr als 20 Ehrendoktoraten von Colleges und Universitäten im ganzen Land ausgezeichnet. Sie trat einer Reihe von beratenden Gremien, Ausschüssen und Verbänden bei und war Mitbegründerin der Amerikanischen Gesellschaft für Holistische Medizin (American Holistic Medical Association).

Stets von freimütiger Rede, forderte sie mit ihrer Arbeit den Berufsstand der Mediziner heraus, ihre Anschauungen von sterbenden Patienten zu ändern. Sie führte wichtige Konzepte ein wie die "Verfügung zu Lebzeiten", Heimpflege und Hilfestellung für ein Sterben in Würde und mit Achtung. "Sie war immer und wird weiterhin eine mächtige Fürsprecherin für die Rechte sterbender Patienten sein", stellte Dr. Gregg Furth fest, ein Psychologe der Jungianischen Schule aus New York, ein Helfer und enger Freund der Familie.

In den letzten Jahren ihres Lebens erwartete sie ihren eigenen raschen "Übergang" und mußte mit der Frustration fertig werden, daß sie zwar Tausenden von Menschen geholfen hatte, ihren Tod zu akzeptieren, jedoch nicht in der Lage war, ihren eigenen zu dirigieren. Sie hatte keine Angst vor dem Tod und hielt an ihrem Glauben fest, daß "das Leben nicht aufhört, wenn wir sterben. Es fängt erst an." Sie hinterläßt ihren Sohn Kenneth Lawrence, Fotograf in Scottsdale, Arizona; ihre Tochter Barbara Lee Rothweiler, klinische Psychologin in Wausau, Wisconsin (mit Ehemann Jeffrey); die Enkelinnen Sylvia und Emma; sowie ihre Schwester Eva. Ihr einstiger Ehemann Manny, ihr Bruder Ernst und ihre Schwester Erika sind ihr vorausgegangen.

Über ihren bevorstehenden Tod sagte sie einmal: "Ich bin wie ein Flugzeug, das die Rampe verlassen hat, aber noch nicht abheben kann. Ich möchte zurück zur Rampe oder wegfliegen können."

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